Travel #002 – Megamarsch Wien 2019 (100km in 24h)

Ich habe mich vergangenes Wochenende spontan dazu entschlossen den Megamarsch Wien 2019 zu gehen. Tatsächlich habe ich wenige Tage vor dem Start davon erfahren und war sofort Feuer und Flamme dafür.

Worum geht es bei dem Marsch?

Es ist relativ einfach erklärt: Es gibt einen 100km langen Rundkurs um die wunderschöne Stadt Wien. Diese Strecke muss in maximal 24 Stunden bewältigt werden. Die Startgebühren waren mit 80 Euro allerdings nicht gerade günstig. Glücklicherweise konnte ich ein günstigeres Ticket ergattern.

 

Gestartet wurde „Am Rollerdamm“ in Wien um 16 Uhr. Leider konnte man sich vorab für keinen speziellen Startblock anmelden, sondern es herrschte das „first come – first serve“ Prinzip. Das führte leider dazu, dass ich erst im 2. Block um 16:10 Uhr starten konnte. Insgesamt nahmen etwa 850 Personen an dem Event teil. Das Wetter war eher kühl, windig und regnerisch. Den Teilnehmern wurde versichert, dass es ab 18 Uhr nicht mehr regnen sollte, dazu aber später mehr 😉.

Nach einem unglücklichen Motivationsversuch der Veranstalter, fiel nach schier endlosem Warten endlich der Startschuss und die Masse setzte sich in Bewegung. Schnell wurde mir klar, dass mein Tempo über dem Durchschnitt liegt und so überholte ich binnen kürzester Zeit den Großteil meines Startblockes. An der Spitze formierte sich eine kleine Gruppe von Einzelgehern, die alle in etwa das gleiche Tempo hatten. Es dauerte nicht sehr lange und wir holten bereits die letzten Teilnehmer des ersten Startblockes ein. Wir bildeten eine kleine Gruppe aus insgesamt vier Leuten: Andi, Stefan und ein Ultramarathonläufer.

Wir gingen sehr zügig, etwa 6,5 km/h, die Strecke war sehr flach, die Stimmung war gut und sogar die Sonne zeigte sich ab und zu. Nach etwa 7km änderte sich die Situation allerdings drastisch. Grund war der erste größere Berg bzw. Hügel, der vor uns lag. Es galt etwa 400 Höhenmeter innerhalb von 1-2 km zu überwinden. Wir behielten unser zügiges Tempo bei und überholten einen Großteil des ersten Blockes. Viele, der anderen Teilnehmer, mussten bereits Pausen einlegen oder die Kleidung wechseln. Auf dem schmalen Weg wurde das Überholen zur Herausforderung.

Bis am Gipfel hatte sich unsere kleine Gruppe allerdings schon etwas zerstreut. Nach kurzer Zeit waren wir allerdings wieder vereint. Darauf folgte ein Abschnitt, der großteils bergab ging. Der Ultraläufer hatte Probleme mit seinem Knie und konnte somit die Bergab-Etappen nicht so flott meistern. Ich hatte viel Energie, war motiviert und so entschloss ich mich das zügige Tempo wieder aufzunehmen und allein weiter zu gehen. Nach einigen Kilometern holte mich allerdings Andi ein und wir beschlossen von nun an gemeinsam weiterzugehen. Es war sehr angenehm, da wir beide ein ähnliches Tempo hatten. Auch für ihn war es der erste 100km Marsch. Er hatte allerdings schon ein paar kleinere Märsche von 50km absolviert. Wir fragten uns beide wie unsere Körper wohl auf die 100km reagieren würden. Mein längster Marsch lag bis dahin auch bei etwas über 50km an einem Tag.

Es wurde langsam dunkel und zu allem Überfluss begann es auch noch zu regnen. Ich war bis dahin mit einer kurzen Hose und einer dünnen Regenjacke unterwegs. Durch die Bewegung war mir allerdings nicht kalt und ich beschloss das Outfit beizubehalten. Ich hatte für den Notfall noch eine lange Regenhose im Rucksack.

Wir waren mittlerweile bei etwa 15 km angelangt. Körperlich und mental war alles bestens. Die Stimmung war gut, keine Blase in Sicht und wir konnten das zügige Tempo beibehalten. Die Navigation wurde allerdings zum Spießruntenlauf. Der Weg war sehr schlecht bzw. kaum markiert und somit irrten wir teilweise orientierungslos durch den Wald. Auch den Teilnehmern, die nach uns kamen, erging es nicht anders. Mithilfe von GPS schafften wir es dann doch noch den richtigen Weg zu finden.

Wir befanden uns knapp nach KM20 und waren auf der Suche nach der ersten Verpflegungsstation. Zum Ärger aller lag dieser nicht direkt an der Strecke, sondern man musste einen Umweg in ein nahegelegenes Stadion unternehmen. Sehr ärgerlich. Der Regen wurde immer stärker und gleichzeitig hatte die Versorgungsstation kaum trockene Plätze zu bieten. Unser Glück war, dass die Station noch nicht überlaufen war, da wir sehr viel Vorsprung rausarbeiten konnten. Als Verpflegung gab es kleine Wurststücke, Milchbrötchen, Bananen, Äpfel, Essiggurken und diverse Energy Riegel. Als warme Getränke wurden Kaffee und Tee angeboten. Allerdings musste man sich den Tee erst mit warmem Wasser selbst machen und der Kaffee war nur Instant-Pulver-Kaffee. Ich hatte mir zumindest normalen Filterkaffee erhofft. Immerhin waren die freiwilligen Helfer sehr nett und für ein paar Scherze zu haben. Ich entschloss mich dann doch meine Regenhose anzuziehen, da der Regen immer stärker wurde und ich nicht wollte, dass meine Hose komplett durchnässt wird. Der Stopp dauerte etwa 10 Minuten. Danach machten Andi und ich uns gleich wieder auf den Weg.

Die folgenden 20km bis zur nächsten Versorgungsstation waren von starkem Regen, starkem Wind, Dunkelheit und der Suche nach dem richtigen Weg gekennzeichnet. Ich musste mein Smartphone permanent in der Hand halten, um nicht vom Weg abzukommen. Auch hier wurden wir nicht vor Höhenmeter verschont. Abhänge entwickelten sich zu Matsch-Rutschen und erschwerten zusätzlich das Vorankommen. Ein wahres Abenteuer. Tatsächlich machte es Spaß auf so viel Widerstand der Natur zu treffen. Wenn da nicht noch zusätzlich etwa 70km vor uns liegen würden :D. Immer wieder schlossen sich uns andere Wanderer an und begleiteten uns für ein Stück. Diese wechselten allerdings immer wieder. Bis auf einen: Thomas. Er hatte das gleiche Tempo wie wir und beschloss sich uns bis zum Ende anzuschließen. Er hatte bereits Erfahrung mit 100km Märschen und war eine großartige Bereicherung für unsere kleine Gruppe. Bei KM30 waren wir etwa auf der Höhe des Lainzer Tiergartens und hatten eine Steigung von einigen hundert Höhenmeter vor uns. Im Gänsemarsch, mit Stirnlampen kämpften wir uns auf dem schmalen, matschigen Pfad auf den Gipfel und waren froh als die Steigung überwunden war.

Am zweiten Versorgungspunkt bei KM40 hielten wir uns nicht sehr lange auf. Ich tappte nur meine Ferse, da sie schon leicht aufgescheuert war, wir tranken ein wenig, aßen ein bisschen und machten uns nach wenigen Minuten wieder auf den Weg. Der erste Kilometer nach den Versorgungsstation war allerdings unglaublich unangenehm und beschwerlich. In dieser kurzen Zeit kühlten unsere Körper komplett aus und es dauerte einige Zeit bis sie wieder auf Normaltemperatur waren. Danach war das Gehen allerdings wieder kein Problem und wir kamen zügig voran.

Nach KM50 merkte ich schon die ersten Erschöpfungsanzeichen. Ich spürte meine Fußsohlen, meine Schienbeine und die Hüftbeuger. Kein starker Schmerz, aber ich immerhin ein leichtes, stärker werdendes Zwicken.

Um zwei Uhr in der Nacht läutete mein Handy. Mein Vater war am anderen Ende und wollte wissen wo und wann wir uns treffen. Er war fest entschlossen mich für den Rest des Marsches zu begleiten. Die Uhrzeit, die Dunkelheit, der Regen, der Wind, … nichts konnte ihn aufhalten. Also vereinbarten wir den Versorgungspunkt 3 bei KM60 als Treffpunkt.

Als wir bei diesem ankamen, war ich heilfroh mich zumindest für ein paar Minuten hinzusetzen und zu verschnaufen. Wir wollten nicht schon wieder so stark auskühlen und hielten deswegen die Pause sehr kurz. Nach ein bis zwei Kilometer trafen wir meinen Vater, der sich dann unserer kleinen Gruppe anschloss. Zu unserer Freude hatte sich auch das Wetter gebessert. Der Regen stoppte und sollte auch für die restliche Zeit nicht mehr wiederkommen.

Wir wussten, dass ab KM60 keine Höhenmeter mehr zu bewältigen waren. Die letzten 40 Kilometer sollten also noch flach ausklingen. Ab KM70 wurden meine Schmerzen immer stärker. Es waren allerdings „nur“ körperliche Schmerzen, mit denen ich noch gut umgehen konnte. Ich merkte allerdings schon wie sehr ich den nächsten Versorgungsposten brauchte. Einfach kurz hinsetzen, mit Essen und Trinken stärken und neue Energie tanken. Großteils gingen wir auf endlos langen geraden Landstraßen im Gänsemarsch. Es war mental extrem zermürbend.

Bevor ich diesen 100km Megamarsch angetreten bin, habe ich mir einige Erfahrungsberichte durchgelesen und eine Aussage hatten alle gemeinsam:

Die erste Hälfte ist bis KM70 und danach folgt die zweite Hälfte mit den letzten 30km.

Was soll ich sagen? Ich kann es 100%ig bestätigen! 😊

Ab KM70 ging es nicht mehr viel um körperliche Fitness, der ganze Körper schmerze sowieso nur noch. Es war das Mentale, die Gedanken, der Wille. Meine Taktik bestand darin irgendwie bis zum Versorgungspunkt 4 bei KM80 durchzuhalten. Egal wie, komme was wolle. Immer nur kleine Ziele stecken dachte ich. Ich hatte zwar keine Ahnung wie ich dann nochmal 20km bewältigen sollte, aber das Problem wollte ich später lösen. Also Schritt für Schritt. Ein Fuß vor den anderen. Um mich abzulenken zählte ich meine Schritte von 1-20. Unzählige Male. Es half mir, mich von den Schmerzen abzulenken.

Laut meiner GPS Uhr waren wir bei KM80. Ich begann die Gegend abzusuchen und war sehr fokussiert auf den kommenden Versorgungspunkt. Ich brauchte diesen Versorgungspunkt. Dringend! Nur eine kurze Pause. Eine kurze Erholung von den Schmerzen. KM81, KM82 … kein Versorgungspunkt weit und breit. Ich checkte mehrmals das GPS ob wir ja dem richtigen Weg folgten. Bei so einer langen Distanz können GPS Daten schon mal um wenige Kilometer abweichen, also gingen wir weiter und ich hoffte auf baldige Erlösung. Zu allem Überfluss hatten die Veranstalter verabsäumt den vierten Versorgungspunkt auf dem GPS Track einzuzeichnen. Sehr ärgerlich.

KM83, KM84, KM85…. Ok! Irgendwas stimmt hier nicht!

Das war der Punkt als ich realisierte, dass wir die Versorgungsstation verpasst hatten. Mental eine Katastrophe für mich. Meine Beine trugen mich nicht mehr und ich musste mich setzen. Mein Vater stoppte mit mir. Andi und Thomas setzten ihren Weg weiter fort. Ich nahm mir ein paar Minuten, trank ein paar Schluck und war einfach nur am Ende. Für mich war klar: Das ist das Ende. Ich kann keinen Schritt mehr weiter. Ich muss leider abbrechen. Ich hatte innerlich bereits damit abgeschlossen, sprach es aber nicht laut aus. Gleichzeitig kam mir der Gedanke, wenn ich jetzt aufhöre, war alles umsonst. Aber was bringt es mir? Ich kann keinen Schritt mehr gehen aber habe noch gut 15-20km vor mir. Das wären im zügigen Tempo immerhin noch vier Stunden. Die Vorstellung von dieser unfassbar langen Zeit bestätigte mich immer weiter aufzugeben. Einfach Schluss zu machen. Das Projekt als gescheitert anzusehen.

Ich kann nicht genau sagen was es war, aber ich entschied mich dazu nicht aufzugeben. Einfach weiterzumachen. Ich stand also auf und setzte einen Fuß vor den anderen. Ich war komplett ausgekühlt. Dadurch waren die Schmerzen bei jedem Schritt noch größer. So humpelte ich die nächsten drei Kilometer mit etwa 3km/h vor mich hin. Es war eine Qual. Ich hatte noch nie solche Schmerzen.

Nach diesen drei Kilometern begann mein Körper wieder wärmer zu werden, wir plauderten ein wenig und überraschenderweise konnten wir für die nächsten fünf Kilometer wieder ein anständiges Tempo von etwa 5km/h halten. Allerdings meldete sich dann mein Körper wieder und verlangte eine Pause. Ich wusste genau, dass ich in dieser Pause wieder auskühlen werde und im Anschluss Probleme beim Marschieren bekommen würde. Ich hatte allerdings keine andere Wahl. Ich musste pausieren.

Danach das gleiche Spiel. Da ich kaum gehen konnte, humpelte ich für die nächsten drei Kilometer bis mein Körper wieder Betriebstemperatur erreichte. Laut meiner GPS Uhr befanden wir uns etwas bei KM96. Die Bodenmarkierung zeigte allerdings erst KM92 an. Das Ziel war also etwa noch 8 Kilometer von uns entfernt. Im langsamen Tempo wären das noch rund drei Stunden. So lange konnte ich unmöglich noch gehen. Keine Chance!

Ich nahm alle meine Kräfte, die eigentlich bereits seit Stunden verbraucht waren, zusammen und zog das Tempo an. Jede Sekunde dachte ich nur über meine Schmerzen, übers Aufhören oder ans Stehenbleiben nach. Ich wusste, ich darf nicht stehenbleiben also quälte ich mich Kilometer für Kilometer. Immer wieder visualisierte ich den Zieleinlauf, was mir kurzfristig Kraft gab.

Wir gingen und gingen und plötzlich tauchte am Horizont der schwarze Zieleinlaufsbogen auf. Zuerst waren wir uns nicht sicher ob es sich tatsächlich um das Ziel handelte, aber schnell merkten wir an den geläuteten Glocken und dem Applaus, dass es sich tatsächlich um das Ende handelt.

Unvorstellbar! Wie bin ich dorthin gekommen? Ich hatte innerlich an diesem Tag schon so oft aufgegeben und abgeschlossen. Das Erreichen des Ziels war so unrealistisch und unerreichbar. Trotzdem hat es irgendwie geklappt! Wahnsinn! Ich war überglücklich! Im Ziel wurden uns Urkunde und Finisher-Medaille überreicht und zu unserer Freude wurden wir noch von Andi und Thomas empfangen. Das alkoholfreie Finisher-Bier durfte natürlich auch nicht fehlen 😊

Eine grenzwertige, extreme und großartige Erfahrung.

Schwer zu sagen ob es der letzte 100km Marsch war. Kurz danach hatte ich nur einen Gedanken „NIE WIEDER!“. Sowas kann sich allerdings über die Zeit wieder relativieren. Deswegen sag niemals nie 😊

Finisher Daten: 103,7km in 20 Stunden

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